Ja, das war der Moment, als es die Franzosen auch mitgekriegt haben. Nachdem mal wieder die Schweizer und die Belgier schon vorher Bescheid wussten. Bevor ich auf das echte Problem näher eingehe, möchte ich es nicht missen, noch einmal kurz darauf aufmerksam zu machen, wie chic TF1 den Moment des Urteils der Verkündung gestaltet hat. Bilder von Menschen aus dem ganzen Land vereinen sich in dem Bild des neuen Präsidenten. Sehr schön.
Nun zu Sarkozy. Jetzt hat er es also geschafft. Unser machthungrige Monsieur Nicolas Sarkozy ist Präsident.
“Endlich!” jubeln die einen, während die anderen mit dem Kopf schütteln. Heute morgen habe ich mir “etwas” übernächtigt (das Referat hat dann doch etwas länger gedauert, als gedacht…) die Libération gekauft, da die Monde schon um 1130 ausverkauft war. Dabei habe ich wohl nicht allzu glücklich dreingeschaut, denn der Kioskmann rief mir beim Weggehen zu: “Alors, mais ne faites pas cette tête, Monsieur! Cinque ans, c’est rien!” – “Jetzt ziehen Sie doch nicht so ein Gesicht, Monsieur! Fünf Jahre, das ist doch nichts!” Hm, ich weiß nicht. Zumindest war mein Arrondissement wieder supercool und hat für Royal gestimmt: 64, 63% entschieden sich hier für die Dame. Das weiß das Innenministerium.
Die französischen Gewerkschaften haben sich alle besorgt über das Wahlergebniss geäußert. Der Arbeitgeberverband und die Industrie- und Handelskammer fanden die Wahl jedoch voll in Ordnung.
Heute mahnten verschiedene Organisationen zur Wachsamkeit: die LDH (Ligue des Droits de l’Homme – die Menschenrechtsliga) erklärte, dass ein Mann, sei er auch Präsident, nie genug Macht auf sich vereinen könne, um die Demokratie des Landes zu bedrohen. Seine Wahl sei nur eine “Sequenz der Demokratie”. Die MRAP (Mouvement contre le racisme et pour l’amitié entre les peuples – Bewegung gegen den Rassismus und für die Freundschaft unter den Völkern – wie nett) rief dazu auf, an diesem “dunklen Tag für die Werte Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität mit entschiedenem demokratischen Widerstand für die Rechte aller eintreten.” Amnesty France erinnert den neuen Präsidenten daran, “dass Menschenrechten in Frankreich eine viel größere Bedeutung zukommen muss.” Das RESF (Réseau Education sans frontières – Netzwerk Erziehung ohne Grenzen, eine Gruppe, die sans-papiers, also “illegale Einwanderer”, unterstützt, die von Abschiebung bedroht sind, deren Kinder jedoch gleichzeitig eingeschult sind) erklärt “Sarkozy ist gewählt, der Kampf geht weiter. (…) Sarkozy weiß, dass sein Wahlergebnis ihn nicht dazu authorisiert, Jagd auf illegale Einwandererfamilien und deren Kinder zu machen, sowie massive Abschiebungen ohne Maß durchzuführen. Die Französische Gesellschaft steht solidarisch an deren Seite.”
Naja, ob die französische Gesellschaft das wirklich tut, wage ich jetzt mal eben zu bezweifeln. Er wurde ja dann doch von einer Mehrheit der Franzosen gewählt, viele davon gar aus dem Front National-Lager (knapp 70% der FN-Wähler haben für ihn gestimmt; 12% verirrten sich zur Royal und 19% haben sich enthalten und sind damit Le Pens Wahlboykott-Aufruf gefolgt…)
Wohlgemerkt, diese Organisationen sind keine radikalen Splittergruppen an irgendwelchen Rändern. Hier in Frankreich zählen die LDH oder die MRAP als große, einflußreiche Organisationen…Heute in der Uni hatte ich den Eindruck, dass die beiden Gruppen schwer unversöhnlich sind und die Royal-Anhänger mit einer ziemlich starken Protesthaltung an die ganze Sarkoisierung ihres Landes herangehen. Bayrous Wähler sind genauso Scheiße, wie Bayrou selbst und finden außer sich alle kacke.
In ganz Frankreich kam es die ganze Nacht hindurch immer wieder zu Unruhen. Laut dem Figaro brannten mal wieder 730 Autos (eigentlich nur doppelt soviel, wie sonst auch…), allerdings wurden knapp 600 Menschen festgenommen. Hier kann man eine sehr interessante Bilderreihe betrachten, die Bilder aus der Wahlnacht zeigt. Während an der Bastille Tränengas versprüht wurde (Johannes Honsell von der SZ berichtete), hat sich Sarkozy Gefolgschaft von der monströsen Party auf der Place de la Concorde (dort versammelten sich knapp 30000 Menschen zu einem Popkonzert – Sarkozy hielt gegen 2330 vor ihnen eine ziemlich eindrucksvolle Rede mit dicker Massen-Marseillaise am Schluß; siehe Video – leider kann ich sie nur auf französisch zur Verfügung stellen. Eindrucksvoll ist es allemal!) zu dem zugegebenermaßen ziemlich chicen Club Showcase unter der Pont Alexandre III verzogen und dort gefeiert.
Er selbst ist heute für ein paar Tage Urlaub und Ruhe nach Malta geflogen. Heute begannen schon die Gerüchte, wie denn sein (wohl 15-köpfiges) Kabinett aussehen möchte. Christoph hatte ganz Recht, als er François Fillon als Premierminister vorhergesagt hatte. Während der Feierlichkeiten zum 08. Mai (Mein Gott: Kapitulation, Du Dödel!) und zum 10. Mai (Tag der Erinnerung an die Sklaverei – das habe ich auch erst heute gelernt…) wird er nicht anwesend sein. Am 16. Mai wird er nachmittags im Hof des Elysée-Palastes zum Präsidenten vereidigt.
Auf Spiegel Online kann meinen einen Artikel lesen, der die Reaktionen der Studenten an der Sciences Po behandelt. Dazu gibt es auch ein paar Bilder von meiner Uni hier in Paris.
Das wirklich einzig komische heute, habe ich mir für den Schluß aufgehoben: Tony Blair hat Sarkozy über das youtube-Portal von 10 Downing Street (ja, das wusste ich bis eben auch nicht… Voll schräg!) zu seinem Wahlsieg gratuliert. Wieso ist das witzig? Nun, die Wünsche sind so herzlich, man könnte fast vergessen, dass Blair ja Labour ist! Und dann sind sie auch noch auf französisch. Aber dieses Video gibt es auch auf englisch. Also, einfach mal ansehen! Zuerst auf französisch, dann auf englisch! Sein Gesicht ist manchmal total komisch…
So, das war’s jetzt erstmal für ein paar Tage mit der Wahl von meiner Seite aus, aber nicht vergessen: bald, also in etwa einem Monat, finden hier schon wieder Wahlen statt. Dann dürfen die Franzosen sich für noch mehr Idioten entscheiden. Noch mehr, denn für’s Parlament baucht man ein paar Idioten mehr, als für das Präsidentenamt.

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