Nach der Frustattacke von letzter Nacht kommt jetzt schon wieder etwas sehr viel besser gelauntes!
Ich war mit Franziska essen, in einem kleinen Restaurant bei ihr in der Nähe, in der Rue Mouffetard. “Nein! In der Rue Mouffetard!”, werden jetzt einige Extrem-Touristen brüllen. Die Sorte Touristen, die keine Touristen sind, sondern das Land “erfahren” möchten, “Freunde” sind. Die, die barfuß mit dem Klapprad durch Bhutan fahren und denken, das sei der einzig authentische Urlaub, den machen kann… Und dann zu Hause den Freunden beim Italiener vom Maden-Auflauf erzählen. “Schmeckt wie Hühnchen!”
Also, ich war in der Rue Mouffetard essen, und ob es unsere Extrem-Reisenden glauben oder nicht, aber am Nebentisch saßen sogar auch Franzosen! Und das Essen war, auch wenn die Karte zweisprachig war, voll in Ordnung. Nicht superlecker, aber gut. Und für 15€ das Menü, ist das auch mehr als OK!Während ich mich also für ein Miesmuschel-Gratin als entrée entschieden hatte, wählte Franziska den Schneckenteller. Wir beide hatten dann als Hauptgang eine ziemlich feine bavette vom Rind “an” grünen Bohnen, in einer Pfeffersauce – welche Franziska als etwas langweilig und nicht so gut empfand, ich jedoch als akzeptabel – , begleitet von einer Ofenkartoffel. Als Dessert gab es für sie ein ziemlich dick aussehendes Mousse au Chocolat (ich weiß nicht, wie es schmeckte, denn sie wollte nicht teilen… Scheint also sehr gut gewesen zu sein! hihi) und für mich “délices au poire”, was viel besser klingt, als “Birne Helene”.
Aber ich will doch die ganze Zeit von den Schnecken berichten! Nun, wir sitzen an diesem Tisch, haben die Karten in der Hand und überlegen, wofür wir uns entscheiden möchten. Ich mache eine Bemerkung zu den Schnecken, die drauf stehen, und Franziska realisiert, dass sie jetzt unbedingt Schnecken braucht. Aber unbedingt! Und sofort!
Anfangs habe ich noch dumme Bemerkungen gemacht, bis ich mir dachte, dass das ganz schön unhöflich ist, wenn ich sie die ganze Zeit auf die Unappetitlichkeit von Schnecken hinweise. Irgendwann lagen sie dann auch auf dem Tisch. Die Schnecken.
Es ist nicht so, als hätte ich mit jedem Lebewesen ein Problem. Delphine sind in Ordnung. Bären sehen eigentlich auch ganz cool aus. Hm, Affen sind auch OK, immerhin sind sie praktisch – so schlimm es erscheinen mag – sozusagen Cousins und Cousinen. Naja, sie sind OK, solange sie nicht die Weltherrschaft an sich reißen möchten.
Gut, statt das wir alle Affen ausrotten, hat sich die Menschheit, oder zumindest der französische Teil der Menschheit, dazu entschieden, den Weinbergschnecken zuzusetzen. Hu! Da haben die aber sicher Angst!
Nun, da liegen sie, diese kleinen Bestien, gegart und verschrumpelt, in Knoblauchbutter-Sauce ertrunken und warten zurückgezogen in ihre kleinen Häuschen darauf, mit ziemlich fortschrittlichem Essbesteck herausgepfrimelt zu werden und von uns, der den Planeten beherrschenden Spezies, die sich auch für nichts zu schade ist, verzehrt zu werden.
Monster! Monster! Mann, da vergeht mir das Herz, wenn ich nur dran denke! Blörrgh!
So, was passiert also an besagtem Dienstagabend? Während ich Miesmuscheln esse (Franziska nahm mir die Segel ziemlich aus dem Wind, als sie mich darauf hinwies, dass Miesmuscheln auch nichts anderes als primitive Weichtiere sind… Ja, aaaaber, sie leben im Salzwasser und sind damit per se hygienischer… Behaupte ich jetzt mal.), liegen eben diese Schnecken vor ihr.
Nun muss ich dazu sagen, dass ich schon viel erlebt habe. Ein ganzes Schaf (tatsächlich: in seiner Gesamtheit. Erkennbar ein Schaf. Mit heraushängender Zunge…) lag vor mir auf dem Tisch, ich habe schon mit einem Hund einen Rotwein getrunken und wenn meine Oma ein Huhn schlachtete, dann entschied ich mich immer für einen vegetarischen Abend (obwohl ich wusste, dass das wohl mindestens das zehntglücklichste Huhn der Welt gewesen sein muss!)
Aber mit Schnecken einen Tisch zu teilen? Auch wenn unsere jeweilige Position – Gottseidank – etwas unterschiedlich war. Aber trotzdem! Ich meine, ich und Schnecken! Schnecken! Diese Miniatur-Zeitlupen, die grade noch keine Immobilie mehr sind! Trotzdem ergreift mich die nackte Angst, wenn ich sie sehe… Und wenn sie gegart auf dem Tisch liegen, dann paart sich diese Angst mit einem Ekel, der fast schon…
Und was passiert da?! Franziska bietet mit eine Schnecke an. Hm, wir hatten schon ein wenig herumgescherzt, dass es auch welche für mich gäbe, aber wer hätte denn gedacht, dass sie’s ernst meint?! Und jetzt, meine Lieben, lege ich ein Geständnis ab: Ich habe es getan. Ja, ich habe eine Schnecke gegessen. Also richtig, in den Mund, gekaut und dann – und das ist das Schlimmste! – geschluckt! Eine Schnecke! Nur damit Ihr Euch nochmal bewusst, was das bedeutet: Das ist eine Schnecke!
Oh Gott, wenn ich mich nochmal zurückerinnere, wird mir schon wieder ganz schwindlig… Naja, es war ganz im Geiste der wissenschaftlichen Neugier. So wie damals mit den Boudins Blancs.
Das Schlimmste ist, dass mein Geständnis noch nicht vorüber ist. Ich habe diese Schnecke nicht nur gegessen, sie hat mir sogar fast…, ähem…, geschmeckt. Geschneckt, sozusagen. Ich möchte nicht behaupten, dass sie superlecker war, noch dass ich jemals wieder in meinem Leben eine Schnecke in den Mund nehmen werde, denn, obwohl sie halbwegs in Ordnung war, erschien mir aus irgendeinem unerfindlichen Grund während des Kauvorgangs ein Bild vor Augen:
“Ich esse gerade eine Schnecke. Ich esse gerade eine Schnecke. Ich esse gerade eine Schnecke. Eine Schnecke. Schnecke!”
Franziska hat sich siegesgewiss zurückgelehnt und mich sehr hämisch angelächelt. “Na, wie schmeckt’s? Schmeckt doch eh nur nach Knoblauch und den magst Du doch so gern.” Ja, es stimmt, es schmeckte tatsächlich nur nach Knoblauch; man hatte nur eine leichte Spur von tierischem Geschmack im Mund, der jedoch eher irritierend war, als großartig. Das Schlimme war aber, wie schon gesagt nicht der Geschmack, sondern die Vorstellung der Ursprungssituation meines Happens, die aus der Konsistenz der zubereiteten Schnecke einen Albtraum macht! Bei einer “Geschwindigkeit” von 32cm pro Stunde, eine abscheuliche Schleimspur hinterlassend, Matsch fressend auf dem Waldboden, umgeben von Tierkadavern und Abfällen, mit Augen auf kleinen Gelatine-Fortsätzen, die sich in den Kopf zurückziehen können… Im Mund fühlen sie sich wie kleine Gelée-Ballons an, die platzen und sich winden und wehren. Einen Moment lang dachte ich, es würde sich in meinem Mund bewegen und da wollte ich es ausspucken. Nein, da wollte ich kotzen. Ich habe aber nichts gesagt und brav weitergekaut (mit etwa vierhundert Gramm “Emergency-Baguette” im Mund), sonst wäre ich wieder der blöde Hysteriker gewesen… Außerdem hatte sie nur sechs Schnecken und da wollte ich nicht, das eine davon umsonst war.
Zum Abschluss, für all jene, die noch nicht genug haben, hier noch ein kleines Rezept-Video, dass die traditionelle Zubereitung von Schnecken präsentiert. Es ist auf französisch, aber die, die es interessiert können auch französisch. Alle anderen haben Spanisch gehabt und essen jetzt glücklich und unbeschwert Tapas und Paella.
Die Schnecken (zumindest die à la bourguignonne) werden üblicherweise in einer solchen Pfanne im Ofen zubereitet, dem poelon à escargots. Sie liegen dann mit der Öffnung nach oben drin. Man nimmt sie mit einer speziellen Schneckenzange auf und puhlt das Fleisch mit einem zweizackigen Gäbelchen aus dem Häuschen. “Ich bin ganz aus dem Häuschen!” erhält da gleich eine ganz andere Bedeutung. Schließlich, wenn der 11. September für die Schnecke über die Bühne gegangen ist, wird das Häuschen umgedreht und man schüttet den “Saft” (yuk!) in die Mulden, wie man auf dem Bild sehen kann. Dann nimmt man sein Baguette und tunkt es am Schluss in diese Schneckenessenz.
Komisch nur, dass sie die Schnecken bereitwillig teilte, aber die Mousse au Chocolat hart verteidigte…
Ich esse Schnecken. Nächste Woche sind Tiefkühl-Froschschenkel aus meinem Supermarkt dran!

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