Gleich zu Beginn möchte ich eine Warnung in eigener Sache aussprechen. Dieser Eintrag wird sentimental. Sehr sogar. Oh ja! Und da ich, was Gefühlsbekundungen angeht eher in der Bezirksliga spiele, wird es diesmal noch ein wenig triefiger, als man es sowieso schon gewohnt ist, aber da muss man eben jetzt mal durch. Denn dies ist mein letzter Eintrag, den ich aus Paris heraus schreibe. Und gleichzeitig war dies der schwerste. So, cela dit, wollen wir doch mal.
Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich nach Rijeka gegangen, um mich dort für die Zwischenprüfung vorzubereiten. Damals hatte ich in erster Linie Angst vor der Prüfung. Zwischen der Prüfung, die alles beherrschendes Thema war, und meiner Abfahrt lagen zwei hochkomische Wochen. Und die ganze Zeit über hatte ich noch gar nicht so recht begriffen, dass ich ja wenig später in Paris sein würde. Nun, in Paris, dem Paris, meinem Paris! Um ehrlich zu sein, ich habe es bis heute noch nicht begriffen.
Am Mittwoch bin ich wieder in München. Das ist schön, denn in München ist ja alles, was ich habe und was ich brauche. Das ist aber auch - ganz besonders gerade in diesem Moment - sehr traurig, denn in München sein bedeutet, nicht in Paris sein zu dürfen.
Dürfen, weil das hier schon ein ziemlich großes Geschenk war, für das ich dankbar bin. Hier zu sein war immer wie ein Wunder (Ich habe es doch gesagt, ganz großes Kino heute!) Ich weiß, manchmal klang das nicht so. Die Uni war grauenvoll und stressig, ich habe hier Menschen kennengelernt, bei denen ich froh bin, dass es die Weltmeere gibt, die deren Kontinente von unserem schönen Kontinent trennen, Menschen, die mich nicht immer glücklich gemacht haben, ich war seit November praktisch durchgehend am Rande des totalen Bankrotts, ich habe jeden Morgen Gräber gesehen, wenn ich aufgewacht bin. Doch es gab jeden einzelnen Tag diesen wunderbaren Moment, in dem ich realisierte, dass ich wirklich in Paris bin.
Manchmal waren es die großen Momente, wie mein erstes Picknick auf den Champs de Mars, zu Füßen des Eiffelturms. Die Taxifahrt um die Etoile herum und die Grands Boulevards runter. Nächtliches Streiten auf der Pont Alexandre III. Mit dem Fahrrad ziemlich verloren auf der Place de la Concorde stehen. Auf dem Heimweg vom glitzernden Eiffelturm begleitet zu werden. Der Gesichtsausdruck meiner Schwester als sie die Patisserie und Chocolaterie bei Fauchon gesehen hat. Die Wiederholung desselben bei Sadaharu Aoki. Den Boulevard Périphérique mit dem Wagen entlangfahren. Der Augenblick, wenn sich die Beleuchtung der Gebäude um Punkt ein Uhr ausschaltet. Diesen Augenblick als Spiegelung in der Seine erleben. Auf einer ziemlich schrägen Party im Parc Monceau-Viertel auf dem Balkon ein (eher zehn) warmes Heineken trinken. An der Porte de Bagnolet vom nettesten Pariser der Welt umgefahren werden. Mit dem Fahrrad tatsächlich im Stau steckenbleiben. Hunderten Touristen meinen blanken Arsch zeigen, während sie nichtsahnend in einem Bateau Mouche die Seine entlangfahren. Boule spielen am Bassin de la Villette. Auf dem Dach sitzen und Sacre Cœur leuchten sehen. Der Sonnenaufgang vor meinem Fenster, nachdem ich mal wieder die ganze Nacht durchgearbeitet hatte.
Manchmal, viel öfter, waren es ganz besonders die kleinen Momente, die mein Paris so schön machten. Mitten im Palais Royal von einem Schmetterling erschreckt (und angeekelt…) dem Tod in’s Auge blicken - ich schwöre, dieses Monster wollte mich aus dem Spiel des Lebens werfen! Im Garten des Musée Carnavalet einen Apfel essen. Den Sprint zum RER oder zur Métro erfolgreich absolvieren. Die Taubenkacke, die Marie-Christine ziemlich hart traf. Ihr hochrotes Gesicht danach. Die Cafés, die Biere, die Vodkas, die wir uns im “Le Café” mal gegönnt, mal auch hemmungslos reingepresst, ach was, reingedonnert haben. Das Tonsignal kurz bevor sich die Métrotüren schließen (zusammen mit den Durchsagen sozusagen der Soundtrack des letzten Jahres). Das lächerlich lange Anstehen im Supermarkt. Gespräche um den Status unseres lieben Pluto. Der Obdachlose, der mir an der Bushaltestelle seinen (unendlich komischen, aber leider vergessenen) Lieblingswitz als Tausch für eine Zigarette erzählt hat. Die explodierenden Menschen von der Butte Chaumont. Japanisch essen in Suresnes. Schnecken essen in der Rue Mouffetard. Koreanisch essen im 15. Käse essen vor’m Monoprix. Macarons essen auf der Pont de l’Alma. Baguette essen am Centre Pompidou. Auf der Kreuzung Rue de Charonne/Avenue Philippe Auguste mal eben ziemlich spektakulär - behaupte ich jetzt einfach mal - vom Rad krachen. Mit dem Rad gegen einen Bus krachen. Und gegen ein Wahlplakat.
Letzten Mittwoch fragten mich Stefan und Laura - getrennt voneinander -, was ich denn an Paris so toll fände. Ich weiß es nicht.
Es ist ein luxuriöser Ort: nirgends auf der Welt gibt es Menschen, die besser leben. Es ist ein armer Ort, denn nirgends gibt es Menschen denen es schlechter geht. Es ist ein alter und ein moderner Ort zur gleichen Zeit. Es ist ein blankpolierter und ein zugepisster Ort. Ein flacher und hügeliger Ort. Ein großer und doch so kleiner Ort.
Als klar war, dass ich nach Paris gehen würde, wusste ich noch gar nicht, dass ich diese Stadt noch sehr viel mehr lieben könnte, als ich es sowieso schon tat. Doch nach diesem Jahr hier, mit vielen neuen Freunden und Bekannten, Gleichgesinnten und Mittätern, sowie nach vielen seltsamen Erfahrungen, muss ich doch zugeben, dass all das nur in Paris möglich gewesen wäre. Kann schon sein, dass ich Ähnliches schreiben würde, wäre ich in Rom, Kopenhagen oder, Gott behüte, in London gewesen. Doch bin ich davon überzeugt, und zwar zutiefst, dass es für mich nur hier in Paris möglich war zufrieden (glücklich ist ein etwas zu großes Wort) zu sein. Und das schreibe ich, obwohl ich hier sehr viel Schmarrn erleben musste und viele Nerven verloren habe. Obwohl ich hier auch tieftraurig und immer wieder auch ziemlich einsam gewesen bin. Dafür kann die Stadt nichts und ich möchte sie nun nicht noch mehr personifizieren, als ich es die ganze Zeit schon tue, aber sie hat den einzig wahren, den perfekten Rahmen für all das gegeben. Mich begleitet und abgelenkt.
An einem einzigen Tag in den letzten 311 Tagen (ich habe es gerade erst nachgerechnet. Soo merkwürdig bin ich dann auch wieder nicht…) hatte ich das Gefühl, nicht in Paris sein zu wollen. Sonst gab es auf der Welt nichts besseres, als aufzuwachen und zu wissen, dass ich diesen Tag in Paris erleben würde. Jetzt heißt es plötzlich, dass ich den nächsten Tag in München beginnen werde. Das macht mich traurig. Nicht weil München öde ist - immerhin heißt dieses Tagebuch “Der Münchner”! - , nein, sondern weil Paris so wunderbar ist!
Schon seltsam, wie eine Stadt so eine wichtige Rolle spielen kann. Ich werde ja manchmal doch ein wenig irritiert angesehen, wenn ich anfange über Paris zu reden. Aber eine Stadt ist nun mal der Rahmen in dem alles stattfindet. Und Paris ist nun mal der schönste Rahmen.
Paris, je t’aime. So lautete schon das Motto für meinen Text in der Abizeitung (das muss ungefähr 1965 gewesen sein). Und so heißt auch ein Film, den ich hier im Kino gesehen habe. Dieser Film ist kitschig, aber rührend. Und die rührendste Episode möchte ich jetzt hier zeigen. (Sehr schön ist, dass meine zahlreichen chinesischsprachigen Leser auch ihre Freude daran haben werden…)
Ich wusste schon lange, dass ich in Paris leben möchte. Und nun, nach elf Monaten Paris, weiß ich, dass es gar keine Alternative mehr dazu gibt. Denn die Stimmung hier tut mir gut. Die Leute hier tun mir gut. Paris tut mir gut.
Meine nächste Paris-Vorbereitung beginnt schon wieder am 4. Juli. An diesem Tag komme ich in München an. Aber komme ich dann auch wirklich nach Hause?


2 comments
Comments feed for this article
Dienstag, Juli 3, 2007 um 9:50
lena
Daniel, Du hast es geschafft, ich weine!
Dienstag, Juli 3, 2007 um 17:59
Münchner
Lena, ich auch. Morgen sehen wir uns! Dann ist alles schon wieder gut.